Hurra, ich schreibe eine Diplomarbeit!

Author: Dipl.-Ing. Herbert Haas
Address:
herbert AT perihel DOT at
http://www.perihel.at
Revision: 0.26
Date: 2009-07-01
Copyright: Copyright (c) 2007, 2008 Herbert Haas.

Abstract

In diesem Dokument fasse ich all die kleineren und meist größeren Anschläge gegen die wissenschaftliche Vernunft, Tradition und Ästhetik zusammen. Ich hoffe es erspart dem Studenten viel Ärger mit mir (und mit anderen Betreuern) und ich hoffe ich erspare mir selbst etwas Korrekturarbeit. Gemäß der IKEA-Tradition, wirst Du in diesem Dokument mit dem (Holzhammer-) Du angesprochen. Das hier Gesagte gilt auch für Bakkalaureats- und Master-Arbeiten.

Contents

Wichtige Empfehlungen und Regeln wurden nun in eckigen Klammern durchnummeriert, um einen Verweis zu vereinfachen. Beispiele: [E-0] bedeutet Empfehlung Nummer 0, [R-0] steht für Regel Nummer 0. Neue Einträge werden neue Nummern erhalten.

Regeln müssen befolgt werden! Stichwort: Note.

1   Disclaimer

2   Engagement

Be sure brain is in gear before engaging mouth. (Tanenbaum)

Suche Dir ein Thema, das Dich wirklich interessiert! Eine DA soll ja was Neues bringen. Deswegen ist es absolut notwendig, daß man sich mit der Sache wirklich auseinandersetzt, eigene Ideen einbringt und Bestehendes kritisch hinterfragt. Außerdem: Wenn man sich mit genügend Selbstdisziplin in ein Thema vertieft wird es immer interessanter. [E-2]

Außerdem merke:

What I cannot create, I do not understand. (Feynman's last words)

Soll im Zusammenhang mit der DA heißen, dass der Autor gefälligst jede Aussage begreift und erklären kann. Niemals Verständnisprobleme durch einen schwammigen Stil verschleiern. [R-1]

3   Allgemeine Tipps

4   Aufbau einer Diplomarbeit

Ich will hier nicht auf die zusätzlichen optionalen 'Features' (wie Abkürzungsverzeichnis usw.) eingehen, sonder nur das Wesentlichste zusammenfassen. Bitte beachtet auch die Vorschläge bzw. Erfordernisse seitens der jeweiligen FH/Universität.

Eine jede wissenschaftliche Arbeit besteht im Allgemeinen aus: [R-8]

  1. Abstract. Ungefähr eine halbe Seite lang. Erkläre worum es geht und was dem Leser in dieser Arbeit erwartet. Erwähne das Conclusio ohne Dich auf Details einzulassen. Ein gutes Abstract (oder 'Kurzfassung') erfordert meist etwas Erfahrung. Man muß bereits hier die ganze Arbeit im Kopf haben und das Wesentliche herausschälen können.
  2. Einleitung. Stelle den Kontext her. Erkläre die Relevanz. Gewinne den Leser. Sei hier so eloquent wie möglich. Stelle das Problem und die Lösung kurz vor. (10 Prozent oder weniger)
  3. Grundlagen. Mach den Leser mit den nötigen Grundlagen vertraut, damit er den Hauptteil überhaupt verstehen kann. Aber nicht jedes Detail ausbreiten. Wenn beispielsweise im Hauptteil gelegentlich die Z-Transformation gebraucht wird, diese aber nicht notwendigerweise für das Verständnis der Kernaussagen benötigt wird, könnte man eine kurze Herleitung der Z-Transformation in einem Appendix (Anhang) anfügen. (20 Prozent)
  4. Problemanalyse. Beginne mit einem theoretischen Diskurs über das Problem. Analysiere das Problem Schritt für Schritt. (30 Prozent oder mehr)
  5. Lösung. Leite aus der vorhergehenden Analyse Schritt für Schritt die Lösung ab, sodaß der Leser Deinen Gedankengängen folgen kann. (30 Prozent oder mehr)
  6. Zusammenfassung. Was konnte gezeigt werden? Wurde das Problem gelöst? Was sind die starken und schwachen Erkenntnisse? Wie müßte man weiterarbeiten? (10 Prozent oder weniger)

Die Punkte 3. und 4. machen den Hauptteil der Arbeit aus. Je mehr desto besser, denn diese Kapitel zeigen den Anteil an eigener Arbeit am deutlichsten.

Natürlich verlangt jede DA eine angemessene Verschiebung des jeweiligen Kapitel-Seitenumfangs. Manche Arbeiten erfordern zusätzliche Kapitel. Außerdem sollen diese großen Kapitel in sinnvolle Unterabschnitte gegliedert werden.

5   Das Kreuz mit dem Zitieren...

Zweck des Zitierens:

Hier einige Tipps:

Und jetzt nochmals, weil das immer wieder vorkommt: NICHT JEDEN SCHMARRN ZITIEREN!!! Das ohmsche Gesetz, die Ausbreitung einer ebenen Welle, das Newtonsche Gravitationsgesetz, usw brauchen NICHT zitiert werden, da diese Grundlagen erstens eh jeder kennen sollte und zweitens jedes beliebige Mittelschul-Lehrbuch dafür herhalten könnte. [R-9.1]

Zitiert werden muß nur das Ungewöhnliche. Eine Behauptung, die nicht auf der Hand liegt. Forschungsergebnisse eines anderen Autors. Aussagen, für deren Begründung in der vorliegenden Arbeit kein Platz ist. [E-15]

6   Englisch schreiben

Wenn Zweifel an den eigenen Englischkenntnissen aufkommen, lass es! Notfalls versklave einen native speaker! [E-16]

Beachte, daß es im Englischen andere Interpunktuationsregeln gibt. Insbesondere eine falsche Bindestrichsetzung irritiert beim Lesen. Im Englischen vermeidet man meist zusammengesetzte Hauptwörter, man schreibt lieber jedes einzelne Wort getrennt (ohne Bindestrich). [R-13]

Die Regeln sind eigentlich einfach, ich verweise aber faulerweise einfach mal hierher.

Und glaub ja nicht ein native speaker aber Nicht-Techniker wäre imstande Deine Arbeit geradezubiegen. Es gibt spezielle und übliche Ausdrucksweisen in der Technik, die Nicht-Techniker einfach nicht kennen. [E-17]

Deshalb überlege es Dir dreimal, ob Du wirklich in Englisch schreiben willst. Falls ich Dir das nicht ausreden konnte, dann BITTE bevorzuge British English, schließlich bist Du Europäer (auch wenn sich das manche Briten nicht eingestehen wollen). Leider sagen die nun auch schon Billion für 1,000,000,000. [E-16.1]

7   Deutsch schreiben

Versklave einen native speaker! Sicherheitshalber. Ich bin ja selber kein Deutsch-Genie, aber oft frage ich mich, wie schlecht der Deutschunterricht in den letzten Jahren geworden sein muß. Auch die Erziehung, die Musik und das Fernsehen, wenn ma scho dabei sind. Früher war einfach alles besser. Ich meine also: Lass Dritte korrekturlesen. Am besten solche, die neben der Sprache auch schon Erfahrung mit technisch/wissenschaftlicher Literatur haben. [E-18]

7.1   Allerley

Schreibe im Aktiv [R-14]
Anders ausgedrückt: vermeide das Passiv. "Ein Interrupt wird ausgelöst." Von wem? Warum? Was war die Ursache? Die Zuhilfenahme eines Subjekts in einem aktiven Satz erhöht die Aussagekraft ungemein! Besser: "Jedes am Interface eintreffende Paket löst einen Interrupt aus."
Genitiv [R-15]
Er existiert und verlangt "des" statt dem österreichischen "dem". Es heißt NICHT 'Dem Franzl sein Traktor' sondern 'Des Franzels Traktor'. Es heißt auch 'Die Pferde des Schahs' und nicht 'dem Schah seine Pferde'. (Lies von Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod
Artikel [R-16]
Gibt's auch. Schreib ganze Sätze! [Beispiel fehlt] Achte auf die Bedeutung des bestimmten bzw. des unbestimmten Artikels.
Unnötige Worte [R-17]

Keine unnötigen Worte einflechten. Wir schreiben einen technisch-wissenschaftlichen Artikel und wollen den Leser nicht mit semantischen Stolpersteinen belasten. Umgangssprachlich tut man das zwar gerne, aber bitte nicht hier.

Beispiele für unübliche Ersatzwörter, z. B.

  • 'Schlussendlich' - besser: 'Schließlich', 'Abschließend'
  • 'Bis dato' - besser: 'Bis heute'

Andererseits darf man natülich die Poesie benutzen, wenn man sich's zutraut, aber nur um die Botschaft deutlicher zu kommunizieren.

Fremdwörter und Anglizismen [R-18]

...vermeiden, wo nicht sinnvoll. "Ein weiterer herausragender Benefit von WiMAX ist...". Benefit? Jawosimmerdenn? Solch Ausdrucksweise ist beklagenswert!

Allerdings sollen IT-Begriffe und andere englische Fachbegriffe nicht unbedingt eingedeutscht werden -- vor allem, wenn die deutschen Begriffe in der Fachwelt kaum verwendet werden! [R-18.1]

Nullwörter [R-19]
In einer DA erwartet sich der Leser präzise Aussagen. Statt "Mit dem Beschleuniger-Modul kann die Firewall wesentlich performanter Datenpakete ver- und entschlüsseln." wäre folgender Satz viel interessanter: "Mit dem Beschleuniger-Modul VAC+ erreicht die PIX 535 für die 3DES Verschlüsselung eine Durchsatzrate von 265 Mbit/s für kurze Pakete (300 Bytes) bzw. bis zu 425 Mbit/s für lange Pakete (1400 Bytes)."
Verben statt Adjektive [R-20]
Verben drücken eine Handlung aus, Adjektive verschleiern meistens nur. Versuche immer das passenste Zeitwort zu finden und deine Sätze werden kurz und deutlich sein.
Binde- und Gedankenstriche [R-21]

Müssen richtig verwendet werden. Unbedingt nachlesen, z. B. hier und da.

Besonders wichtig:

  • Im Deutschen schreibt man zusammengesetzte Hauptworte solange zusammen, bis das Konglomerat unlesbar wird (typischerweise ab drei Wörter). Beispiele: 'Klodeckelhalterung' oder 'Bauchnabelauswischpinsel', aber: 'Klodeckelhalterungs-Designer'. Beachte, daß vor und nach dem Bindestrich kein Leerzeichen steht.
  • Zahlenintervalle: 0-100. Ebenso kein Leerzeichen!
  • Abkürzungen: Dipl.-Ing. Ebenso kein Leerzeichen!
Abkürzungen [R-22]

Einfache Regel, weil logisch: Bei der ersten Verwendung ausschreiben, die Abkürzung sofort anschließend in Klammern. Danach im Text nur mehr die Abkürzung verwenden. Also beispielsweise spielt Orthogonal Frequency Multiplexing (OFDM) im Kühlschrank keine große Rolle. Oder: Die No Such Agency (NSA) freut sich wenn Studenten Security is Not My Problem (SNMP) einsetzen. Du wirst Dich jetzt fragen IS des Notwendig (ISDN)? Die Antwort ist ja, weil IT Heinis Lieben Abkürzungen (IHLA). Zumindest geht das genau so. [R-22.1]

Gängige Abkürzungen sollen/brauchen nicht ausgeschrieben werden. Beispielsweise fordern wir vom Leser einer Arbeit über Multicast Technologien, daß er weiß was TCP/IP ist. [R-22.2]

Beachte außerdem die folgende Schreibweisen: [R-22.3]

  • Zum Beispiel: z. B. und nicht: zB (wie in der Rechtswissenschaft angeblich üblich) oder z.B. (ohne Leerzeichen).
  • Das heißt: d. h. und nicht d.h.
Die, diese und dabei... [E-19]

Hat man eben über eine bestimmte Sache, z. B. "Systemprofile", geschrieben, dann verwendet man das Wort "diese" und nicht "die", wenn man darüber noch mehr zu erzählen hat. Schließlich geht es ja dabei um diese und nicht um irgendwelche!

Beispiel: Der ORF definiert auch blaue Systemprofile, um deren Verwesung zu fördern. Diese Systemprofile sind lustig, manchmal auch wäßrig.

Hier noch eine Online-Hilfe zum richtigen Deutsch.

7.2   Die 'richtige' Formulierung...

...ist in erster Linie ein Handwerk und erst in zweiter Angelegenheit eine Kunst. Nur wer hierbei halbwegs sattelfest ist, darf zur Poesie greifen -- sofern durch die "Poesie" einerseits der Informationsfluss gefördert wird und andererseits das Gelesene besser im Gedächtnis bleibt. [E-20]

Lies was. [E-21]

Auf die Frage, was man Lesen könnte, um seine Argumentationsfähigkeiten zu schärfen, schlägt Umberto Eco John Locke's Versuch über den menschlichen Verstand vor. Wesentlich netter fand ich das kürzlich am Flohmarkt ersteigerte Werk von Erwin Schrödinger Was ist Leben?. Wirklich toll. Oder von Bernard Lovell Der Einzelne und das Universum. Oder von Richard Dawkins Das egoistische Gen. Oder von Charles Darwin Die Reise der Beagle.

Oder schau Dir zumindest die Simpsons an. Homer ist ein Meister der Argumentation.

Implementieren

Eines der beliebtesten Worte der Studenten. Kann doch alles mögliche bedeuten, oder? Ein tolles Techniker-Allzweck-Wort:

ISDN implementiert einen D-Kanal und zwei B-Kanäle.

Nein! Implementieren tun immer noch Menschen. Eine nette Definition, unlängst irgendwo im Web gefunden:

Implementieren ist die Umsetzung von Strukturen oder Arbeitsabläufen anhand vorher festgelegter Spezifikationen.

Überlege, ob Du das sagen willst.

Spezifizieren
Auch ein beliebtes Wort, das oft missbraucht wird. Darunter versteht man eine formelle Beschreibung irgendwelcher Merkmale, Parameter oder Funktionen. Kommt von spezifisch, man meint etwas ganz bestimmtes.

Möglicherweise passendere Alternativen: Definieren oder Standardisieren.

8   Nachrichten an den Betreuer (mich)

Attention!

Kurze Abschnitte der DA (Formeln, Formulierungen, Inhaltsverzeichnis, usw) dürfen mir auch in elektronischer Form gesendet werden. Natürlich auch Zwischenzustände der DA, wenn es nur um grundsätzliche Fragen geht, z. B. ob die Gliederung okay ist.

Soll ich aber die Endfassung (oder lange Abschnitte) begutachten, dann:

  • Unbedingt ausdrucken und mir die Papierform senden!!! Ich korrigiere aus Zeit- und Effizienzgründen keine elektronischen Dokumente mehr [R-24]. Braucht nicht im teuersten Farbdruck erfolgen, aber zumindest durch einen Schnellhefter gebunden wär toll.
  • Unbedingt selbst vorher alles gründlich durchlesen! Ich erwarte keine Schlampigkeitsfehler wie Typos oder Grammatikfehler. Spellchecker verwenden! [R-25]