Homöopathie: Potenzierter Humbug für Millionen

author:

Herbert Haas, http://www.perihel.at

revision:

0.5

date:

2010-07-23 (veröffentlicht); letzte Korrektur: 2010-08-04

abstract:

Homöopathie ist die weitestverbreitete "Alternativmedizin". Ihre Wirksamkeit konnte nie bewiesen werden und ihr Wirkprinzip widerspricht allen Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften. Trotzdem wird Homöopathie von Ärzten häufig angewendet und in Apotheken verkauft, wodurch uninformierte Patienten irrigerweise annehmen, dass es sich hierbei um eine wirksame Medizin handelt.

Ich habe oft festgestellt, dass die meisten Menschen gar nicht genau wissen, was hinter der Homöopathie steckt und was die wissenschaftliche Forschung bis heute zutage gebracht hat. Die nachfolgende Zusammenstellung der wichtigsten Fakten über die Homöopathie soll dem kritisch denkenden Menschen als eine kompakte Entscheidungshilfe hilfreich sein.

Herzlichen Dank an die Österreichische Gesellschaft für kritisches Denken (GkD) für die konstruktive Kritik!

Contents

1   Die wichtigsten Argumente

1.1   Keine Heilungserfolge in kontrollierten Studien

Zur Homöopathie existiert kein reproduzierbares positives Ergebnis durch Doppelblindtests[?], dafür aber zahlreiche Negativbelege.

Dabei würde der erste erfolgreiche Wirkungsnachweis durch mehrere hochdotierte Preise belohnt werden. Aber bis heute wurden weder der 1,000,000 USD James Randi Preis abgeholt, noch der 100,000 USD Preis der von Edzard Ernst und Simon Singh.

Natürlich zitieren Homöopathen auch positive Tests, die wenn man nachforscht, entweder von geringer wissenschaftlicher Qualität sind (keine doppelt-verblindeten Tests, wenig Versuchspersonen, etc) oder nur eine marginale Abweichung von der Placeboerwartung zeigen (und die wahrscheinlich bei einer größeren Zahl an Versuchspersonen wieder verschwinden würde). Und gelegentlich wird die Statistik überhaupt vergewaltigt.

Besonders Meta-Analysen, wie die von Shang et al. sind besonders aussagekräftig, weil hier praktisch alle bisherigen Studien (die eine im Vorhinein festgelegte Mindest-qualität erfüllten) mit statistischen Methoden untersucht wurden. Das für die Homöopathie vernichtende Ergebnis führte erwartungsgemäß zu einer neuen Welle an Desinformation (besonders im WWW: I don't know how, but homeopathy really does work wo die Autorin irrtümlicherweise(?) eine Studie als Beleg für die Homöopathie zitiert, die das eigentlich aber gar nicht aussagt).

Oft zitieren Homöopathen die Arbeit von Dr. Karen Nieber und verschweigen die ganze Geschichte. [Eine Wiederholung der Versuche von Fr. Nieber an der Universität Berlin konnte ihre Resultate nicht nachvollziehen: C. Siegling-Vlitakis, H. Martens, R. Lüdtke: In Vitro Examination of Potentized Atropine Sulfate Dilutions on the Contractility ofthe Isolated Rat Ileum. The Journal of Alternative and Complementary Medicine, October 2009, 15(10): 1121-1126. doi:10.1089/acm.2008.0614.]

1.2   Ein beinah "religiöses" Wirkprinzip

Der Arzt Samuel Hahnemann hatte 1781 genug von den damals üblichen und oft gefährlichen Behandlungsmethoden, wie z. B. Aderlässe. (Die evidenzbasierte Medizin entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert.)

Wohl aus dem Bedürfnis eine neue revolutionäre Medizin zu begründen, formulierte Hahnemann aus Intuition (d. h. nicht-wissenschaftlich) sein neues Wirkprinzip: Ähnliches kann durch Ähnliches geheilt werden. Bereits Hippokrates und Paracelsus hatten diese Idee.

Als Beleg wird häufig zitiert, dass Hahnemann im Selbstversuch durch die Einnahme von Chinarinde (Wirkstoff Chinin) Malaria-ähnliche Zustände erlangt hatte und derselbe Wirkstoff ansonsten erfolgreich gegen Malaria angewendet wird. Doch abgesehen davon, dass eine einzelne Beobachtung noch keinen Schluss auf ein verallgemeinertes Wirkprinzip zulassen würde, konnte sie bis heute nicht einmal reproduziert werden! [Amüsant: Ein Vorlesungsversuch zur Homöopathie]

Zitat Wikipedia:

Bereits die Zeitgenossen Hahnemanns haben die Beliebigkeit des Ähnlichkeitsprinzips kritisiert, welches aus wissenschaftlicher Sicht nicht nachvollziehbar ist. Bis heute wurde noch kein Medikament nach diesem Prinzip entdeckt, das Eingang in die wissenschaftliche Medizin gefunden hat. Hahnemanns Chinarindenversuch konnte nie reproduziert werden, jedoch liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei ihm um eine allergische Reaktion gehandelt hat.

"Gleiches mit Gleichem heilen" erinnert an ein alttestamentarisches Zitat: Gleiches mit Gleichem vergelten, Auge um Auge, Zahn um Zahn! Der Krankheit zeige ich's!).

1.3   Medikamente ohne Inhalt

Homöopathische Medikamente werden durch "Potenzierung" (drastische Verdünnung plus Schütteln) gewonnen. Denn laut Homöopathie gilt die paradoxe Regel: Je höher die Verdünnung, umso stärker die Wirkung!

Als Ausgangsstoff dient eine bereits verdünnte Substanz, entweder aus der "D" oder "C" Klasse, was eine Verdünnung von 10 bzw 100-fach bedeutet. Als Trägermedium wird entweder destilliertes Wasser oder Alkohol verwendet. Die Zuckerkügelchen (Globuli) werden am Ende damit besprüht.

Aber dann geht's erst richtig los mit der Potenziererei, zum Beispiel bedeutet eine C30-Verdünnung, dass der bereits verdünnt Ausgangsstoff noch weitere 30 Male verdünnt wurde, sodass am Ende eine Gesamtverdünnung von 100 hoch 30 vorliegt, also:

1:1000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000

Ab der C12- bzw. D24-Potenz ist mit keinem Molekül der (mutmaßlichen) Wirksubstanz im "Medikament" zu rechnen.

Aber so richtig absurd wird es mit den (auch viel teureren) Hochpotenzen:

  • Die Potenzierung D30 bedeutet: 1 Gramm der Grundsubstanz wird in einer Lösungsmenge von 1000 Erdkugeln verdünnt.
  • C30 bedeutet: 1 Gramm wird in einer Lösungsmenge von Milliarden von Galaxien verdünnt.

Ein homöopathisches Zuckerkügelchen, also ein Globuli der Verdünnung C100 bedeutet, dass die Wirksubstanz in einem Verdünnungsverhältnis 1 zu 100 hoch 100 vorliegt (1 zu 10 hoch 200). Wenn die Astronomen richtig schätzen, besteht das Universum "nur" aus 10 hoch 80 Atomen (oder weniger!). Angenommen, die gesamte Materie des Universums läge in Form solcher Globulis vor, dann müsste man 10 hoch 120 Universen "schlucken", damit wir mit etwas Glück auch ein Wirkstoffmolekül erwischen würden. Und dann gibt neben der D- und C-Potenzart noch die sogenannten LM- und Q-Potenzen; hier geht man bereits von einer 1:50,000-Verdünnung aus und erreicht die völlige Befreiung des Medikaments vom Wirkstoff schon nach der sechsten Potenzierung.

Übrigens, äußerst giftige Substanzen, wie Arsen, Blauer Eisenhut (Aconitum napellus), Tollkirsche (Belladonna) oder Phosphor (Phosphorus) gibt es bereits ab einer 100- bzw 1000-fachen Verdünnung ("C1" bzw "D3"), wovon man also besser nicht zu viel nimmt.

Damit lässt sich aber auch leicht zeigen, dass die oben genannte paradoxe Regel der Homöopathie nicht funktioniert. Denn jede Überdosis einer extremen Verdünnung von Arsen, wie z. B. C50M (1 zu einer Eins mit 5 Millionen Nullen) ist definitiv wirkungslos, während eine genügend hohe Überdosis einer schwächeren Verdünnung (wie C1 oder D3) bereits die letale Dosis (ab 56 mg beim Menschen) erreicht.

1.4   Hokuspokus mit der "Information"

Wenn (wie im vorigen Punkt erläutert) gerade die höchsten Verdünnungen die größten medizinischen Effekte versprechen sollten, warum erleidet man dann bei Nichteinnahme keine Überdosis? Warum kann ein Schluck Leitungswasser nicht alle homöopathischen Medikamente ersetzen?

Mit der "Potenzierung" wurde eine zweite unhaltbare Theorie eingeführt, nämlich dass Substanzen ihre "Information" durch Schütteln in das Wasser einprägen. So eine Wirkungsübertragung auf das Verdünnungsmittel ist durch keine bekannte physikalische oder chemische Gesetzmäßigkeit nachvollziehbar.

Diese "Potenzierung" ist außerdem an sich schon unlogisch, denn sie müsste enorm selektiv wirken, damit nur die "Information" der "Wirksubstanz" verstärkt wird und nicht die Restsubstanzen des Trägermediums (selbst destilliertes Wasser ist nicht absolut rein).

Aber abgesehen davon, dass niemand weiß, wie diese Information konkret zustande kommt bzw. vermittelt werden soll, belegen wissenschaftliche Forschungen, dass im flüssigen Wasser sowieso jegliche Struktur (und somit ein "Gedächtnis") nach wenigen Bruchteilen einer Sekunde zwangsläufig wieder verloren geht.

Siehe auch:

  • Ph. Wernet et al. (2004): The Structure of the First Coordination Shell in Liquid Water. Science 304: 5673.
  • M. L. Cowan et al. (2005): Ultrafast memory loss and energy redistribution in the hydrogen bond network of liquid H2O. Nature 434, 199-202.

1.5   Keine Wirkung bei enormen Überdosen

Die völlige Unwirksamkeit homöopathischer Medizin wurde heuer und schon in den Jahren davor durch öffentliche homöopathische Massenselbstmordversuche aufgezeigt. Auch unlängst in Wien!

Im Klartext: Selbst die wochenlange Einnahme homöopathischer Schlafmittel in gewaltigen Überdosen führt höchstens zu einem Zuckerschock.

Anders als bei "schulmedizinischen" Medikamenten müssen homöopathische Medikamente keinerlei Zulassungskriterien erfüllen. Keine jahrelangen Studien, Publikationen, usw. Wozu auch, kann ja eh nicht schaden, is ja nix drin.

1.6   Alchemie mit Hundekot, Rattenblut und Mondlicht

Schaut man mal genauer hin, was sich hinter manchen homöopathischen "Wirksubstanzen" verbirgt, dann fühlt man sich ins Reich von Harry Potter versetzt.

Beispielsweise beinhaltet Excrementum canium C12 - richtig erraten - Hundescheiße. Nur gut, dass Dank der enormen Verdüngung - äh Verdünnung - praktisch kein Molekül davon übrigbleibt. (Es wird ja nur die Information der Scheiße übertragen...)

Anbei eine Auswahl homöopathisch verwendeter Substanzen aus dem Reich der Alchemie:

Die am häufigsten verschriebenen homöopathischen Medikamente beinhalten oft viel gewöhnlichere Substanzen, zum Beispiel Salz (Natrium chloratum) oder Schwefel (Sulfur). (Warum werden diese ohnehin mit der Nahrung aufgenommenen Substanzen überhaupt in verdünnter Form eingenommen? Hahnemann hatte die Verdünnung doch nur "erfunden", um auch die Einnahme von giftigen Substanzen zu ermöglichen.)

Allerdings ebenso häufig werden sehr giftige Substanzen verdünnt, wie z. B. Tollkirsche (Belladonna) oder Phophor (Phosphorus).

1.7   Hundert Ausreden, wenn Homöopathie nicht funktioniert

Der Schöpfer der Homöopathie, Samuel Hahnemann führt selbst etliche Gründe, an, wenn die Homöopathie nicht wirkt, wie zum Beispiel Kaffee, Tee, zuviel Zucker, "Stubenhitze", sitzende Lebensart, langer Mittagsschlaf im Liegen, Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, usw.

Hier im Originalzitat:

"Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen, z. B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind, (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben~ u.s.w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll."

(Aus dem Organon der Heilkunst)

1.8   Ein Milliardengeschäft

Nachfolgend Zitate aus Wikipedia, (siehe die dortigen Quellenangaben)

Im Jahr 2008 wurden in Deutschland Homöopathika für 399 Mio. Euro umgesetzt; das entspricht 7% aller rezeptfreien Arzneimittel. Davon wurden 27% von einem Therapeuten verordnet, 73% wurden direkt vom Anwender in der Apotheke gekauft. Bei einer 2009 durchgeführten Befragung brachten 17% der Deutschen die Homöopathie mit dem Ähnlichkeitsprinzip oder der Potenzierung in Verbindung.

Weltweit liegt der Umsatz mit homöopathischen Arzneimitteln geschätzt in einer Größenordnung von 2 Milliarden Euro.

Das Hahnemann'sche Ähnlichkeitsprinzip ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die behauptete selektive Steigerung erwünschter Wirkungen durch die rituellen Prozeduren des Potenzierungsverfahrens widerspricht naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.

1.9   Keine "neue deutsche Medizin" für das Dritte Reich

Selbst die Nazis hatten die Wirksamkeit der Homöopathie überprüft (wie zu erwarten mit grausigen Experimenten) und scheiterten.

Wesentlich aber ist, dass die Nationalsozialisten gerne an die Homöopathie geglaubt hätten, versprach sie doch eine kostengünstige Medizin für das deutsche Volk in den schweren Kriegsjahren. Außerdem konnte man Samuel Hahnemann als revolutionären deutschen Mediziner propagandistisch vermarkten. Aber letzlich fanden auch die Nazis heraus, dass die Homöopathie praktisch unbrauchbar ist.

Der SPIEGEL berichtete darüber unlängst: Frühe Homöopathie-Studie: "Wir können doch gar nicht, was wir behaupten"

"Vollkommen negativ" verliefen zum Beispiel die zahlreichen
Arzneimittelprüfungen, mit denen die berühmten gleichnamigen Versuche
Hahnemanns wiederholt werden sollten. Gesunde Versuchspersonen bekamen dabei
homöopathische Globuli verabreicht - und sollten dann, entsprechend dem
homöopathischen Grundsatz "Gleiches mit Gleichem heilen", genau jene Symptome
entwickeln, die das Mittel bei Kranken angeblich bekämpfen kann.

Anders als sonst üblich wurden diese Prüfungen unter Aufsicht der Nazis jedoch
mit einer Placebokontrolle durchgeführt, also der Kontrolle mit einem
Scheinmedikament - und prompt stellten die Ergebnisse die Basis der gesamten
Homöopathie in Frage. "Während der Einnahme aus den Placebofläschchen bekamen
unsere Prüfer reichlich Symptome, die bis zu 6 Seiten der Protokollhefte bei
einigen füllten", berichtet Donner.

[Siehe auch: Der Donner-Report sowie Brief an Unseld und Brief an Schoeler]

2   Typische Fragen und Meinungen

2.1   "Aber man kann doch die schulmedizinischen Methoden gar nicht auf die Homöopathie anwenden!"

Selbstverständlich kann man die Methoden der wissenschaftlichen Medizin auch auf die Homöopathie anwenden - und das wurde und wird auch vielfach getan. Insgesamt sprechen die Resultate wie bereits erwähnt deutlich gegen eine Wirksamkeit der Homöopathie.

Die Verfechter der Homöopathie verschweigen das gerne und verweisen meist nur auf die Metaanalyse von Linde (1997) oder auf Beobachtungsstudien wie jene von Witt (2008), weil diese zu für die Homöopathie scheinbar positiven Resultaten kommen.

Dabei hatte Lindes Metaanalyse methodische Mängel, wie der Autor selbst längst eingestanden hat. Sämtliche Re-Analysen seiner Daten, die die Qualität der untersuchten Studien berücksichtigen, kommen zu negativen Resultaten (Ernst, 2002). Beobachtungsstudien wiederum sind generell weder dafür gedacht noch dafür geeignet, etwas über die Wirksamkeit einer Therapie auszusagen.

Ein anderes Argument der Homöopathen zielt darauf ab, dass nur die Individuelle Homöopathie die richtige Homöopathie ist und deswegen jede wissenschaftliche Untersuchung nicht möglich sei. [Zu diesem Thema demnächst mehr. Allerdings sollte jeder kritisch denkende Mensch bei einer solchen Argumentation schon sehr skeptisch werden, denn es riecht nach einem Rückzugsargument, ähnlich dem hermetisch-religiösen Denken, wo man sich permanent windet und sich jeglicher prinzipiellen Überprüfbarkeit entzieht.]

Wissenschaftsfeindliche Menschen (oft Befürworter der Alternativmedizin) behaupten gelegentlich, dass die "Schulwissenschaft" alle Andersdenkenden unterdrückt. Das ist blanker Unsinn, denn die Wissenschaft kommt nur durch revolutionär denkende Menschen voran. Aber Außergewöhnliche Behauptungen verlangen außergewöhnliche Beweise [Zitat Truzzi]. Und selbst Einstein benötigte nur wenige Jahre, um seine - damals revolutionäre - Relativitätstheorie in der Physik zu etablieren - obwohl damit die ganze klassische Physik auf den Kopf gestellt wurde.

Wo bleiben die unleugbaren Beweise der Homöopathen? Wo sind die allein durch die Homöopathie geheilten Krebs- oder Aids-Patienten?

"Die Homöopathen hatten 200 Jahre lang ihre Chance. Hier an der Universität
Bern verfügen sie über einen eigenen Lehrstuhl. Sie hätten eine einzige Arbeit
publizieren können, die die Wirksamkeit ihrer Methoden beweist. Sie konnten es
nicht – niemand kann das. Mit gleichem Recht wie die Homöopathen könnte auch
Sektenführerin Uriella mit ihrem angeblich heilenden Badewasser einen
Uni-Lehrstuhl beanspruchen. [...]"

—Beda Stadler, Professor am Institut für Immunologie der Universität Bern

Eigentlich geht es bei der modernen Wissenschaft immer um eine ganz einfache Sache, die jedes Kind versteht: "Zeige es mir! Beweise es mir!". Bei den berühmten medizinischen (kontrollierten und randomisierten) Doppelblindstudien geht es nicht darum herauszufinden WIE eine medizinische Behandlung funktioniert, sondern nur OB überhaupt jemand dadurch geheilt wurde.

"Homöopathen lieben immer dann kontrollierte, randomisierte Studien, wenn
sie positiv ausgehen. Wenn sie negativ ausgehen, was meist der Fall ist, dann
behaupten sie, dieses Studiendesign trete die Homöopathie mit Füßen."

Edzard Ernst (Technology Review, Heise Verlag)

Wenn jemand behauptet, er könne durch ultra-verdünnte Medizin irgendwelche Krankheiten heilen, dann ist es wohl naheliegend zu fragen: "Zeig mir, dass ich davon gesund werde!"

"Man kann natürlich sagen, klinische Studien seien nicht das Maß der Dinge.
Genauso kann man sagen, der Mond ist eigentlich aus Käse. Die klinische
Studie hat natürlich ihre Schwächen, aber die sind klar erkannt und man
arbeitet daran, sie zu überwinden. So lange es nichts Besseres gibt, ist es
eben die beste Methode, die wir zur Verfügung haben. Zudem schauen wir uns
ja keine einzelne klinische Studie an, sondern die Gesamtheit der Studien zu
einem Thema. Das ist nun einmal die ganz einfache wissenschaftliche Logik,
der sich eigentlich jeder anschließen kann, es sei denn, er betrachtet die
Homöopathie nicht als Heilkunde, sondern als Religion. Und da beißt es sich
eben fest. Es gibt Leute, die sich nur minimal von religiösen Fanatikern
unterscheiden."

Edzard Ernst (Technology Review, Heise Verlag)

2.2   "Wie auch immer, bei mir hilft's"

Dieses oft gehörte Zitat ist nur ein "anekdotischer" Beweis, aber kein wissenschaftliches Argument. Möchten Sie wirklich von Ihrem Arzt mit Medikamenten behandelt werden, bei denen Doppelblindtests mit tausenden Personen keinen Nachweis erbracht haben und nur einzelne Personen darauf schwören? Gibt man diesen Personen Placebos, dann werden sie genauso über ihre Heilung schwärmen.

Es ist für viele schwer einzusehen, dass jede persönliche Beobachtung über die medizinische Wirksamkeit eines Medikaments unzulänglich sind. Aus drei Gründen:

  1. Die eigene Voreingenommenheit wird sich auf die Interpretation der Beobachtung niederschlagen. Ungünstige Beobachtungen werden ausgeklammert und günstige Beobachtungen übertrieben. ("Bei Vollmond herrscht schönes Wetter.")

  2. Die Statistik lehrt, dass die Anzahl der Versuche möglichst groß sein muss, damit die Beobachtung überhaupt eine Aussagekraft hat. Eine Einzelbeobachtung hingegen sagt fast nichts aus und kann durch jede andere gegenteilige Einzelbeobachtung bereits entkräftet werden. Wenn jemand behauptet, dass er durch Homöopathie gesund geworden ist, findet man genausogut eine Einzelperson, die davon nicht gesund wurde. (Und man würde auch Einzelpersonen finden, die behaupten, dass sie davon erst recht krank geworden sind.)

  3. Selbst bei einer großen Anzahl an Versuchspersonen lässt sich keine vernünftige Aussage ohne einer Kontrollgruppe machen, die mit Placebos behandelt wurde. Wer ein Jahr lang die "Behandlungserfolge" eines homöopathischen Krankenhauses beobachtet, der wird klarerweise scheinbare Erfolge verzeichnen. Aber welchen Beitrag hatten andere Faktoren, wie

    • die im Krankenhaus erfahrene Zuwendung?
    • die Nahrungsumstellung bzw. zusätzlich verordneten Diäten?
    • die Hygiene?
    • eine eventuelle zusätzliche Medikation aus dem Reich der "Schulmedizin"?
    • die Selbstheilungsmechanismen des Organismus?

    Erst der Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die all die oben genannten Einflüsse ebenso erfährt, aber eine Placebo anstelle des (homöopathischen) Medikamentes erhält, erlaubt Einblicke in eventuelle Wirkungen, die "über dem Placeboeffekt" liegen.

Deswegen führt die wissenschaftlich orientierte Medizin ausschließlich doppelt verblindete Tests mit einer großen Anzahl von Versuchspersonen durch. Hierbei wissen weder die Probanden, noch die Ärzte, ob sie ein Scheinmedikament (Placebo) oder das "richtige" Medikament (Verum) erhalten bzw. verabreichen. Die Tests müssen dokumentiert, publiziert und wiederholbar sein.

Leider fallen auch zu viele Ärzte auf ihre Eigeninterpretation rein. Anders lässt sich der weit verbreitete leichtfertige Umgang mit Mitteln der Alternativmedizin wohl nicht erklären.

2.3   "Aber bei Kleinkindern und Tieren funktioniert es auch!"

Nicht in kontrollierten Studien, wo auch eine nonverbale Kommunikation ausgeschlossen werden konnte!

Es stimmt zwar, dass das Kleinkind oder Tier nicht weiß was es bekommt und wie es reagieren sollte (während erwachsene Menschen auch auf Placebos reagieren). Doch der beobachtende Mensch, wenn er Anzeichen einer Heilwirkung durch die Homöopathie erwartet, fokussiert sich auf jegliche Verbesserung und ignoriert etwaige Verschlechterungen.

Dieser Effekt ist gewaltig! Geben Sie einer Gruppe von z. B. 10 Eltern irgendein Medikament - in Wahrheit ein Placebo - für ihre Kinder und sagen Sie dazu, dass es gelegentlich/häufig Juckreiz, Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit hervorruft. Sie können sich sicher sein, dass Ihnen einige Eltern von diesen Symptomen berichten werden.

>> Jeder Kinderarzt weiß, dass man die Mutter in die Behandlung einbeziehen muss: Sie ist Hauptempfänger der psychosozialen Botschaft und gibt sie als ihre Erwartungshaltung unbewusst an das Kind weiter. Placebo-Effekte wies man in Doppelblindversuchen auch bei Haustieren nach. Diese können die Körpersprache vertrauter Bezugspersonen lesen. Erleben sie deren Vertrauensverhältnis zu dem ihnen unbekannten Therapeuten, so reagieren sie konditioniert im Sinn einer Placebowirkung. Wird das Placebo-Präparat auch noch mit liebevoller Hinwendung verabreicht, hat die Heilung gute Chancen. Zusätzlich führt die Erwartungshaltung des behandelnden Arztes bei diesem selbst zu "selektiver Wahrnehmung": Er neigt dazu, Heilerfolge zu diagnostizieren, die er unbewusst zu finden erwartet. <<

[Aus Erfolge der Homöopathie - nur ein Placebo-Effekt?]

In einer kontrollierten Tier- oder Kinder-Studie würde deshalb trotzdem eine Kontrollgruppe Placebos bekommen und die behandelnden Ärzte wüßten jeweils nicht, ob sie gerade das Homöopathische Mittel (Verum) oder das Placebo verabreichen.

Auch wenn sich das Tier bzw. Kind von der Krankheit erholt kann der Erfolg viele Ursachen haben, z. B. durch die erhöhte Zuwendung der Besitzer/in bzw Eltern, durch den natürlichen Heilungsprozess, usw.

Ein klassisches und bemerkenswertes Beispiel, wie Menschen unbewußt ihre Erwartung in das Verhalten eines Tieres projizieren ist der Fall vom "klugen Hans" siehe auch [hier.]

  • L. Hektoen (2005): Review of the current involvement of homeopathy in veterinary practice and research. Vet. Rec. 157: 224–229.
  • Koch T: Placebowirkung bei Tieren. Intern. Praxis 24:587-589 (1984)
  • Löscher W: Hoöopathie in der Veterinärmedizin. In Randi J: Science and the Chimera. Vortrag an der Neurologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich, Videofilm (1993)

2.4   "Da wollen die Schulmedizin und die Pharma-Riesen aus Geldgier wieder mal die Homöopathie schlecht machen!"

Die Entwicklung moderner Medikamente im Sinne der evidenzbasierten Medizin kostet viel Geld und Fleiß. Häufig dauern allein die Zulassungsstudien viele Jahre (länderübergreifende Studien, Dosisbestimmungsstudien, Kinderstudien, usw). Für homöopathische Medikamente bräuchte man theoretisch keine Laboreinrichtungen, ein gutes Marketing reicht. Es kann hinterher eh niemand das Fehlen der korrekten homöopathischen Herstellung nachweisen. Mit Homöopathie könnte man also viel schneller und einfacher Geld machen! Betrachten Sie es mal andersrum.

Oder wie Florian Freistetter pointiert bemerkt:

"Ein Extrakt aus einer einzigen Gänseleber kann Millionen Euro an Gewinn erreichen. Da verblassen Anklagen an die 'gewinnorientierte Pharmaindustrie' doch ein bißchen :)"

2.5   "Impfen basiert ja auf dem gleichen Wirkprinzip!"

Nein, in Impfseren ist zwar wenig an krankmachenden Erregern drinnen, in homöopathischen Medikamenten hingegen nichts oder praktisch nichts. Eine homöopathische Verdünnung eines Impfserums ist wirkungslos.

Bei der Impfung will man das Immunsystem trainieren, bei der Homöopathie hingegen die menschliche Einbildungskraft...

2.6   Homöopathie ist "ganzheitlich"

Nein, die Homöopathie ist durchwegs symptom-orientiert:

  1. Homöopathischen Medikamente werden allein anhand ihrer Symptome, die sie (scheinbar) auslösen, kategorisiert
  2. Die Diagnose erfolgt rein anhand der äußerlichen Symptome. (Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Medizin, wo man auch in den Körper hineinschaut, z. B. mittels Tomografischer Verfahren, Sonden, usw.)
  3. Behandelt wird nach dem Prinzip "Ähnliches durch Ähnliches heilen", wobei wieder die Symptome gemeint sind. Der Homöopath sucht die Überlagerung der Symptome des Patienten mit den Symptomen der Medikamente.

2.7   "Na und, Homöopathie ist zumindest ungefährlich!"

Nein, aus mindestens drei Gründen:

2.8   "Warum wird dann Homöopathie von Ärzten verordnet?"

Wenn homöopathische Arzneien nachweislich nicht wirksam sind, warum werden sie von etlichen Ärzten verschrieben und in Apotheken angeboten? Und selbst auf manchen Universitäten gelehrt?

Das wird wohl nichts mit der Tatsache zu tun haben, dass die Homöopathie weltweit ein Milliardengeschäft ist, oder gar eine mächtige Lobby dahinter steckt.

In vielen Ländern verlangt das Arzneimittelgesetz für homöopathische Arzneimittel eine Registrierung, jedoch nicht den Nachweis einer medizinischen Wirksamkeit.

Es gibt definitiv Ärzte und Apotheker, wie ich aus eigener Erfahrung und vom Hörensagen weiß, die selbst die Homöopathie für Humbug halten, diese aber trotzdem verschreiben, weil es die Patienten einfach gerne anwenden. Man will ja was Komplementäres auch versuchen und der Arzt will das Image als ganzheitlicher Mediziner bewahren. (Was immer das bedeuten mag.)

Mitunter dient die Homöopathie auch als psychisches Pflaster, wie mir eine befreundete Apothekerin verriet:

"Ich selbst gebe hin und wieder homöopathische Mittel ab, einerseits bei überängstlichen Eltern, die ihren Babies und Kleinkindern gleich irgendetwas geben wollen, wenn sie nur einmal niesen, da kann die Homöopathie nix anstellen und zweitens bei Personen, die über Kreislaufbeschwerden jammern ... der Alkohol, der enthalten ist, bringt einen schnell wieder auf Vordermann ohne Schaden anzurichten."

Ein weiterer Grund dürfte auch sein, dass heute viele Patienten - und selbst Ärzte - das Wirkprinzip der Homöopathie nicht hinterfragen. Es muss was dran sein, wenn's alle nehmen!"

Die Akzeptanz der Homöopathie wird besonders durch Desinformation gefördert, erst recht in Kombination mit den typischen logischen Trugschlüssen. Wer die moderne wissenschaftlich orientierte ("evidenzbasierte") Medizin ablehnt, etwa "weil die Ärzte eh keine Zeit haben" (woran die Wissenschaft nicht Schuld sein kann) oder "weil es bei den großen Pharmakonzernen nur ums Geld geht" (was bei der Homöopathie natürlich nicht zutrifft), der sucht nach Heilsversprechen in der Alternativmedizin. Und dort ist der Blumenstrauß recht bunt; ein jeder findet etwas nach seinem Geschmack. Vom Hörensagen weiß man "bei Tieren hilft es auch und die können ja wohl kaum auf ein Placebo reinfallen" (aber wehe man prüft diese Aussagen genauer nach!).